Magnesium-Kommentar

Magnesium (Mg) ist ein essentieller Stoff mit umfangreichen Funktionen für den lebenden Organismus. Mg wird aber in der medizinischen Praxis zu selten bestimmt sowie differentialdiagnostisch und therapeutisch zu wenig berücksichtigt. In diesem Blog werden persönliche Vorträge, Stellungnahmen und Kommentare veröffentlicht.

Sonntag, 1. September 2002

Zum individuellen Bedarf an essentiellen Stoffen - am Beispiel des Magnesiums

Zur Unterbewertung des Magnesiums

Obwohl Magnesium als essentieller Mineralstoff spätestens bekannt ist seit den Experimenten zum akuten Magnesiummangel an der Ratte (Kruse et al. 1932), d.h. seit über 70 Jahren, ist es immer noch ein "vergessenes Mineral" (Elin 1994, Khalil 1999):

  • Magnesium wird im medizinischen Alltag bis jetzt nicht routinemäßig im Serum bestimmt.
  • Als objektiver Indikator gilt erst eine Hypomagnesiämie unterhalb 0,5 mmol/L (Kingston et al. 1986), der Referenzbereich wird häufig viel zu breit angegeben, z.B. 0,65 - 1,0 mmol/L (Dörner 2000).
  • Es herrscht die überwiegende Meinung vor, daß ein Magnesiummangel beim Menschen nur sehr selten vorkommt (Arzneimittelkommission 2000). Nur wenige widersprechen dieser Auffassung.

Von Ehrlich (1997) hat sein Patientengut diesbezüglich untersucht und in mehr als 10% der Fälle einen Magnesiummangel in der internistischen Praxis objektiv feststellen können. Mehr als 10% ist häufig!
In der Selbsthilfeorganisation Mineralimbalancen sind u.a. Patienten organisiert, die bereits jahrelang - und auch lebenslang - Magnesium in hohen oralen Dosen (600 - 1200 mg Magnesium / Tag) zu sich nehmen müssen, um ihre klinischen Beschwerden zu beherrschen (Fehlinger 1991a, 1991b, Liebscher und Liebscher 2000). Diese Tatsache wird aber kaum beachtet, sie ist noch kein allgemeines medizinisches Wissen und erst recht nicht Wissen in der Bevölkerung. Stattdessen gilt Magnesium als umstrittenes Mineral (Schwabe 2001).

Aus diesem Grund herrscht die Meinung vor, daß eine tägliche Aufnahme von 300 - 400 mg Magnesium pro Tag den durchschnittlichen Bedarf deckt, sofern ein Mangel nicht festgestellt wurde.

  • Wer stellt aber einen Mangel fest, wenn das objektive Kriterium nicht bestimmt wird und ein Arzt die Symptomatik nicht entsprechend diagnostiziert.
  • Welcher Laie ist in der Lage, die klinische, durchaus unterschiedliche Symptomatik eines Magnesiummangels selbst zu diagnostizieren (Schmidt 1997). So gut wie niemand.
  • Im Gegenteil, selbst diagnostizierte Magnesiummangelpatienten laufen immer Gefahr, daß der Mangel ihnen ausgeredet wird.

Der individuelle Bedarf wird nicht berücksichtigt. Es ist deshalb zu bezweifeln, daß nur gesunde Menschen in die Ernährungsuntersuchungen zum täglichen Bedarf (Wangemann et al. 1995) einbezogen wurden. Daraus resultieren aus unserer Sicht zwangsläufig zu niedrige Ernährungsempfehlungen für die Magnesiumaufnahme.

Aus unseren Beobachtungen leiten wir folgende Hypothese für die erforderliche tägliche Magnesiumaufnahme ab:
Gruppe A - 0,1% der Bevölkerung benötigen sehr hohe zusätzliche Mengen (z.B. 900 -1200 mg / Tag)
Gruppe B - 1% der Bevölkerung benötigt hohe zusätzliche Mengen (z.B. 600 - 900 mg / Tag)
Gruppe C - 10% der Bevölkerung benötigen eine zusätzliche Menge (z.B. 300 - 600 mg / Tag)
Gruppe D - 50% der Bevölkerung können ihre Leistungsfähigkeit mit einer zusätzlichen Menge von 300 mg Magnesium steigern.
Der individuelle Bedarf der angeführten einzelnen Gruppen kann sich unter Streßbedingungen noch weiter erhöhen.

Der individuelle Bedarf ist also in vielen Fällen höher als die durchschnittlichen Empfehlungen
besagen.
Aber auf allen Nahrungsergänzungsmitteln mit einer einzelnen Magnesiummenge von 300 - 400 mg wird erklärt: "Diese Menge deckt ihren täglichen Bedarf." Niemand denkt beim Lesen dieser Information an Ausnahmen und deren Häufigkeiten.

Die Arzneimittel-Indikationen aller oralen Magnesiumpräparate wurden von der Oberbehörde in Deutschland reduziert auf einen nachgewiesenen Magnesiummangel, wenn er Ursache für Störungen der Muskeltätigkeit (neuromuskuläre Störungen, Wadenkrämpfe) ist. Jeder Laie wird damit von einer Selbsthilfe bzw. Selbstmedikation in der erforderlichen Höhe abgehalten, denn es wurde ja bei ihm (ärztlicherseits) noch nichts nachgewiesen.
Und Störungen der Muskeltätigkeit - wer denkt bei diesem Begriff an schwere, immer wiederkehrende Kopfschmerzen oder Migräne, an Spasmen der Gefäße, an Schmerzen, an depressive Phasen, Streßsymptomatik, an innere Unruhe, an Schlaflosigkeit, an Lärmempfindlichkeit etc. - kein Laie - kaum ein Arzt. Zusätzlich orientiert auch die Dosierungsanleitung wiederum nur auf niedrige Mengen: "Sie sollten 1x täglich den Inhalt (300 mg) ... zu sich nehmen."

Es ist deshalb schon ein bedeutender Fortschritt, wenn die Deutsche Migräne- und Kopfschmerz- gesellschaft nunmehr Magnesium (2 x 300 mg / Tag) als Mittel der 2. Wahl zur Prophylaxe und Therapie der Migräne bezeichnet und auch manchmal erklärt, daß bereits Magnesium erstaunlich oft hilft (DMKG 2002; Haag 2001).

Dabei ist Magnesium für Magnesiummangelpatienten bzw. -personen das Mittel der 1. Wahl - kausal wirksam und so gut wie ohne Nebenwirkungen.

Zusammenfassend ergibt sich, daß die Gegenwart von einer vorherrschenden Unterbewertung des Magnesiums geprägt ist. Um dies zu ändern, bedarf es einer Neubewertung der Bedeutung des Magnesiums im besonderen, aber auch der essentiellen Stoffe und ihres individuellen Bedarfs im allgemeinen.

Zur Neubewertung der essentiellen Stoffe und ihres individuellen Bedarfs

In der Prophylaxe und Therapie (einschließlich Selbstmedikation) muß den essentiellen Stoffen Vorrang vor den körperfremden Stoffen beim Erhalt der menschlichen Gesundheit eingeräumt werden - und dies aus mehreren Gründen:

Essentielle Stoffe sind kausal wirksam und mindestens im Bereich des individuellen Erfordernisses nebenwirkungsarm. Die Gefahr iatrogener Schädigungen ist bei essentiellen Stoffen geringer als bei körperfremden Stoffen. Die therapeutische Breite essentieller Stoffe ist im wesentlichen groß (s. NOAEL-Werte) (Großklaus 2000).
Essentielle Stoffe haben im wesentlichen den Vorzug, einer Regulation zu unterliegen, sowohl bei der enteralen Aufnahme als auch bei der Ausscheidung über die Niere. Diese Regulation schützt vor einer Übersättigung (vor Überdosisierung und Vergiftung) des Systems. Das Risiko von essentiellen Stoffen ist damit grundsätzlich geringer als das Risiko von körperfremden Arzneistoffen.
Kausalität, Regulation und therapeutische Breite essentieller Stoffe sollte bei jeder Nutzen-Risiko-Abwägung im Vergleich zu einer Therapie mit Fremdstoffen berücksichtigt werden. Aus diesen Gründen müßten essentielle Stoffe grundsätzlich Mittel der 1. Wahl sein.

Die Höhe des Bedarfs essentieller Stoffe ist spätestens beim Auftreten von Beschwerden individuell festzustellen, denn die körpereigene Regulation ist genetisch determiniert. Phänotypen mit differenzierter Merkmalsausprägung führen zwangsläufig zu einem individuell unterschiedlichen Bedarf. Dies gilt um so mehr, je zahlreicher die genetisch bedingten Regulationsfaktoren für einen essentiellen Stoff sind.
Im Fall des Magnesiums wurde die genetische Vielfalt kürzlich übersichtlich dargestellt (Weber Konrad). Diese genetische Variabilität erklärt auf einfache Weise die Ursache für die eingangs genannte Hypothese zur Existenz von verschiedenen Bedarfsgruppen der Bevölkerung im Fall des Magnesiums.

Weitere Überlegungen, die mehr Berücksichtigung finden sollten

Trotz der seit über 50 Jahren steigenden und heute schon überwältigenden Anzahl neuer synthetischer Arzneimittel ist zu verzeichnen, daß der Gesundheitszustand der Bevölkerung anhand der Verbreitung der Volkskrankheiten sich nicht entscheidend bessert, sondern mit weiterer Zunahme zu rechnen ist.
Mindestens eine Ursache für diese Entwicklung ist die Unterbewertung essentieller Stoffe und die Unterbewertung des individuellen Bedarfs.

Gravierend ist auch, daß der Mensch seine genetisch determinierte theoretische Lebenserwartung, die seit über 10.000 Jahren bereits bei etwa 120 - 150 Jahren liegt, nicht annähernd erreicht.
Stattdessen liegt die durchschnittliche Lebenserwartung nur bei 75 - 82 Jahren (Schwartz und Seidler 1996). Auch hierbei ist mindestens eine Ursache die Unterbewertung essentieller Stoffe und des individuellen Bedarfs an diesen essentiellen Stoffen. Der Zuwachs an Überlebenszeit bzw. die Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung wird bisher kaum als Kriterium für die Beurteilung der Erfolge von Ernährung, Prophylaxe und Therapie berücksichtigt. Vor kurzer Zeit wurde aber bereits darauf hingewiesen, daß dieses Kriterium (Zuwachs an Überlebenszeit) in klinischen Studien berücksichtigt werden sollte (Diener 1999).

In den seltensten Fällen werden zur Bewertung von körperfremden Wirkstoffen Vergleiche mit den natürlichen wirkungsanalogen Stoffen vorgenommen: z.B.

  • Wirkstoffe aus der Gruppe der Calciumantagonisten im Vergleich zum physiologischen Calciumantagonisten (Magnesium)
  • Wirkstoffe aus der Gruppe der NMDA-Rezeptorblocker im Vergleich zum physiologischen NMDA-Antagonisten (Magnesium).

Auch bei den Therapieversuchen werden die synthetischen Stoffe nicht mit den natürlichen Stoffen verglichen, z.B. dürften Calciumblocker und NMDA-Inhibitoren nicht ohne vorausgegangenen Therapieversuch mit den physiologischen, natürlich vorkommenden Stoffen eingesetzt werden - d.h. in unserem Beispiel nicht ohne Therapieversuch mit dem essentiellen Mineralstoff Magnesium.

Ähnliches gilt bei der symptomatischen Behandlung von denjenigen Krankheitszeichen, die auch auf einer unzureichenden Versorgung mit essentiellen Stoffen beruhen könnten. Es werden häufig sofort symptomatisch wirksame Mittel eingesetzt, ohne eine ursächlich mögliche Unterversorgung bzw. einen Mangel an essentiellen Stoffen vorher auszuschließen.
Die Differentialdiagnostik vieler Erkrankungen, auf die Magnesium zumindest Einfluß ausübt,
berücksichtigt nicht den vorausgehenden Ausschluß eines Magnesiummangels. Auf diese Weise wird Magnesium als Mittel der 2. Wahl (DMKG 2002) eingestuft, statt es in diesen Fällen als Mittel der 1. Wahl vor den synthetischen Wirkstoffen einzusetzen.

Die Forderung nach EBM (evidence-based medicine) und nach klinischen Studien mit höchstem Standard drängt die essentiellen Stoffe sogar in das Abseits. Es ist öffentlich, daß niemand neue Investitionen für Wirkstoffe tätigt, die nicht patentierbar - wie z.B. die essentiellen Stoffe - sind.
Warum werden aber EBM-Kriterien in vollem Umfang an essentielle natürliche Stoffe angelegt? Ihre Wirksamkeit ist bewiesen - der Begriff "essentiell" sagt es aus! Sind also EBM-Kriterien in jedem Fall patientenrelevant (Hope 1999)?

Eine nächste Überlegung betrifft den bedeutenden Unterschied in der Zufuhr essentieller Stoffe vor 10.000 - 40.000 Jahren im Verhältnis zur Gegenwart - bei unveränderter genetischer Konstitution des Menschen seit den Jägern und Sammlern (Milton 2000). So unterscheidet sich das Na/K-Verhältnis drastisch (Eaton et al. 1996). Ähnliches betrifft Magnesium und Calcium. Auch bei den Vitaminen wie z.B. Vitamin K1 gibt es ähnliche Entwicklungen zu ungunsten der Aufnahme dieser essentiellen Stoffe in der Gegenwart.

In Anbetracht der vielfältigen klinischen Auswirkungen des Magnesiummangels (Noronha und Matuschak 2002, Kisters 1998, 2000, Möhnle und Goetz, 2001, Rude 1998, Schuck et al. 1999, Swain und Kaplan-Machlis 1999, Durlach 1992, Classen et al. 1986), die im wesentlichen schon in der 35 Jahre alten Zusammenfassung der Symptomatik und Krankheitsbilder von Holtmeier 1968 beschrieben wurden, sollte dem Ausschluß eines Magnesiummangels bzw. wenn dies nicht eindeutig gelingt, der konsequenten vorrangigen Erstbehandlung mit Magnesium, die entsprechende Wichtung gegeben werden.
Es ist aber leider eher damit zu rechnen, daß ein Arzt sagt: "Mit ihren Schmerzen oder Problemen müssen Sie leben", statt daß an essentielle Stoffe wie Magnesium gedacht wird.

Unverständlich ist es, daß der Gesetzgeber mit Hilfe der sogenannten Positivliste orale Magnesiumpräparate aus der Erstattungsfähigkeit nehmen will. Einzige vorgesehene Ausnahmeindikation ist die iatrogen erzeugte Diurese; das eigenständige Vorkommens eines genetisch-bedingten Magnesiummangels wird dagegen nicht zur Kenntnis genommen.

Aus diesem Grund sind Forschungsarbeiten zu den Initiativen der Selbsthilfe im Gesundheitswesen (Bogetto 2002) oder die Initiativen der Gesellschaft für Magnesiumforschung zur Erhöhung der Referenzwerte für Magnesium (Spätling et al. 2000) für ein neues Verständnis förderlich.

Zusammenfassung

Der individuelle Bedarf an essentiellen Stoffen - im Gegensatz zum durchschnittlichen Bedarf - sollte mehr betrachtet werden. Am Beispiel des Magnesiums wird erläutert, daß einige Bevölkerungsgruppen viel mehr (bis zu 1500 mg / Tag) statt nur die durchschnittliche Bedarfsmenge von 300 - 400 mg Magnesium pro Tag benötigen, um beschwerdearm oder beschwerdefrei zu leben. Magnesium sollte in der Prophylaxe und Therapie als Mittel der 1. Wahl definiert und viel stärker berücksichtigt werden. Die individuellen Erfahrungen der Selbsthilfeorganisation Mineralimbalancen und ihrer Mitglieder, aber auch die wissenschaftlichen Empfehlungen und Berichte der Gesellschaft für Magnesiumforschung müssen mehr Beachtung finden.

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